www.tierhalter-wissen.de

www.vets4vieh.de wird unterstützt von:

Geschichten aus der Praxis

Zukunft der Rinderpraxis – Wohin die Reise geht

Der Nachwuchsmangel in der Nutztierpraxis ist ein weltweites Phänomen, das sich zunächst in den USA und Australien manifestiert hat. Deshalb hat die Firma Pfizer Tiergesundheit anlässlich des 5.Leipziger Tierärztekongresses 2010 dankenswerterweise eine Diskussion zum Thema Zukunft der Rinderpraxis mit Dr. Roger Saltman (USA), dem amtierenden Präsident der American Association of Bovine Practitioners (AABP), ins Leben gerufen. Die Ziele der Vereinigung amerikanischer Rindertierärzte sind die Förderung und Weiterbildung von Rindertierärzten.

An der Diskussion beteiligten sich mit den Professoren Heinrich Bollwein, Klaus Doll, Wolfgang Heuwieser, Kerstin Müller und Alexander Sobiraj nahezu alle Leiter der universitätseigenen Rinder- und Fortpflanzungskliniken Deutschlands. Die Diskussionsrunde wurde zudem durch Standesvertreter, Großtierpraktiker und Pressemitarbeiter vervollständigt.

Von der Situation in den USA wird angenommen wird, dass sie richtungsweisend für die deutsche Entwicklung sein könnte, weshalb Dr. Saltman den Anwesenden kurz die Lage von Rind und Tierarzt in den Vereinigten Staaten schilderte. Auch dort hat die Zahl milchviehhaltender Betriebe in den letzten Jahrzehnten dramatisch abgenommen. Während es 1970 in den USA rund 650.000 Milchviehhalter gab, lag diese Zahl Ende 2009 nur noch bei knapp 64.000. Die entsprechend zunehmende Betriebsgröße führt zu einem veränderten Anforderungsprofil an das tierärztliche Leistungsspektrum. Die Landwirte in den USA wünschen sich vom Bestandstierarzt eine umfassende Beratung auch im Hinblick auf die Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit ihrer Tierhaltung. Sie würden außerdem eine generelle Finanzberatung, Hilfe bei der Auswahl der richtigen Zuchtprogramme und Genetik sowie Schulungen des Melkpersonals begrüßen.

Die meisten dieser Aspekte werden in der Ausbildung von Tierärzten weder hier noch drüben bislang berücksichtigt.

Im Rahmen der Veranstaltung stellte Prof. W. Heuwieser aus Berlin die Ergebnisse einer aktuellen Studie vor, die die Einflüsse untersuchte, die für das Einschlagen einer bestimmten Fachrichtung während des Studiums wesentlich sind.

Zunächst korrigierte er jedoch die weit verbreitete Meinung, dass der weltweit zu beobachtende Wandel des Berufs von einer Männer- in eine Frauendomäne auf die besseren Schulnoten der Frauen und der bestehenden Zulassungsbedingungen zu schieben ist. Die Männer scheinen sich vielmehr durch die geringen Verdienstmöglichkeiten bei gleicher Qualifikation in Bereichen wie Technologie oder Humanmedizin abschrecken zu lassen. Frauen wählen den Beruf dagegen häufiger aufgrund persönlicher Neigungen und jenseits wirtschaftlicher Interessen aus, was das ungebrochen hohe Interesse an veterinärmedizinischen Studienplätzen erklärt. Wie Prof. Heuwieser berichtete, entscheiden sich vor allem Studenten, die auf dem Land aufgewachsen sind oder schon vor dem Studium mit Nutztieren oder Pferden zu tun hatten, später für die Großtierpraxis und das Landleben. Die Befragung der Studierenden aller Semester ergab weiterhin, das die Tätigkeit in der Großtierpraxis mit einer Reihe von Vorurteilen belastet ist, wie beispielsweise keine geregelten Arbeitszeiten, keine Halbtagsstellen, keine umfangreichen Möglichkeiten für Diagnostik und Therapie und nicht zuletzt eine schlechte Akzeptanz von Frauen von Seiten der Landwirte. So wäre nicht nur nach Meinung von Prof. Heuwieser eine Imagekampagne zur Beseitigung dieser Vorurteile dringend nötig, um das Interesse an der Nutztierpraxis zu steigern. Wie eine solche aussehen könnte, wurde jedoch nicht weiter erörtert.

In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass die Nutztiermedizin an den Hochschulen allgemein vernachlässigt wird, da Rinderkliniken mehr Geld kosten, als mit ihnen zu verdienen ist. Anders sieht es im Kleintier- und Pferdebereich aus, daher bekommen diese Institute leichter Geld für bessere Ausrüstung und Personal. Alle Rinderinstitute sind bemüht, über frühzeitige Praktika das Interesse der Studierenden an der Nutztierpraxis zu wecken. Zudem arbeiten sie teilweise mit Klauenpflegern, Landwirten und Großtierpraktikern zusammen, um den Studenten neben fundierten handwerklichen Fähigkeiten auch die Sichtweise der Tierhalter näher zu bringen.

Trotzdem seien Studenten nach ihrem Studium nicht sofort voll einsetzbar, wie immer wieder von den Praktikern gefordert, da die erforderliche Routine noch nicht vorhanden ist. An der Cornell Unversität in den USA werden Studienanfänger, die Praktika in Großtierpraxen oder in landwirtschaftlichen Betrieben nachweisen können und damit ein ernsthaftes Interesse an der Nutztierpraxis zeigen, bevorzugt ausgewählt. Etwa 40 % dieser Studenten wollen später tatsächlich auch in die Rinderpraxis. Diese Art Vorselektion ist in Deutschland jedoch so nicht möglich.

Dr. Saltman betont aber ebenfalls, dass die Studenten nicht das komplette Wissen, das von Landwirten gefordert wird, während des Studiums erlernen können. Daher sehe der AABP seine Hauptaufgabe in der Schulung und Weiterbildung von Rinderpraktikern sowie der Vergabe von bezahlten Praktika.

Die deutschen Hochschulkollegen sind ebenfalls der Meinung, dass Betriebswirtschaft und andere Spezialthemen nicht im Regelstudium gelehrt werden können, da die Studenten ohnehin mit Wissen überfrachtet werden. Spezialwissen müsse im Anschluss an das Studium erworben werden. Die Hochschullehrer wünschten sich außerdem für die Vergabe von interessanten Doktorarbeiten im Bereich der Nutztierpraxis mehr finanzielle Unterstützung von der (Pharma)Industrie.

Als ein weiteres wichtiges Problem der Großtierpraxis wurde die Bewertung der tierärztlichen Arbeit angesehen. Die anwesenden praktizierenden Kollegen konnten durchwegs belegen, dass ihre Arbeit für den Landwirt hochrentabel ist und sich selbst aufwendige Einzeltierbehandlungen rechnen. Dem konnte auch Dr. Saltman für die USA zustimmen.

An dieser Stelle erfolgte ein Appell an die landwirtschaftliche Presse, den Landwirten zu vermitteln, dass ein Tierarzt kein notwendiges, teures Übel sei, sondern ein profitabler Geschäftspartner. Dies gilt auch für die Tierärztliche Beratung, so könnten Tierärzte durch ihr Fachwissen bis zu 80 % der Betriebsausgaben beeinflussen, obwohl die Tierarztkosten nur 1- 3 % der Gesamtausgaben der Landwirte ausmachten.

Fazit
Generell sahen alle Beteiligten den Trend zu größeren landwirtschaftlichen Betrieben und somit die Veränderung der Anforderungen an den Großtierpraktiker. Neben der handwerklichen Beherrschung des Berufs sei vermehrt betriebswirtschaftliches Wissen und ein guter Überblick über die Belange der Landwirtschaft gefragt, um die Wirtschaftlichkeit der betreuten Betriebe zu optimieren. Dieses Wissen kann allerdings nur begrenzt im Studium vermittelt werden, sodass qualifizierte Fortbildungen angeboten werden müssen. Außerdem sei es für die Verbesserung des Berufsbildes nötig in Zusammenarbeit mit der landwirtschaftlichen Presse, der Pharmaindustrie und den Praktikern eine Imagekampagne auf den Weg zu bringen, denn der Beruf eigne sich durch die Abkehr von der reinen Feuerwehrmedizin gerade auch für Frauen. Beruf und Familie seien im Rahmen der sich ändernden Tätigkeitsschwerpunkte sogar besser zu vereinbaren als in der Kleintierpraxis.

Autor: Dr. Julia Henning / Vetion.de GmbH

zurück

Eigene Geschichte eintragen???

Möchten Sie uns auch Ihre Geschichte aus der Praxis mitteilen?

Dann können Sie dies
hier eintragen >>>